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KOMMENTAR
Chanel als Baustelle

Matthieu Blazy variiert die Codes des Hauses – ohne sie wirklich zu verändern
Fashion under construction — inspired by Chanel’s Grand Palais show
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Im Grand Palais erzählt Chanel von Raupen und Schmetterlingen, von Transformation und Freiheit. Über dem Laufsteg ragen farbige Kräne in den Raum und versprechen Aufbruch. Die Mode darunter bleibt erstaunlich zurückhaltend.

Für seine zweite Ready-to-wear-Kollektion greift Matthieu Blazy tief in das Archiv des Hauses Chanel. Tweed, Kostüme, gerade Röcke und strukturierte Jacken eröffnen die Show – vertraute Elemente, die seit Jahrzehnten das Rückgrat des Hauses bilden. Reißverschlüsse ersetzen gelegentlich klassische Knöpfe, Strick lockert die Konstruktion auf. Es bleiben kleine Verschiebungen innerhalb eines Systems.

Im Verlauf der Show verändern sich die Materialien leicht. Strick trifft auf Tweed, während fließende Stoffe auf strukturierte Oberflächen treffen. Im Licht der Scheinwerfer blitzen gelegentlich Lurexfäden auf. Hemden werden unter Jacken geschichtet, Kleider über Röcke gelegt. Das Layering erzeugt Bewegung, ohne dass daraus ein wirklicher Bruch entsteht. Die versprochene Transformation bleibt eher ein dekoratives Motiv als eine formale Strategie.

Eine schwarze Strickjacke mit Goldknöpfen und ein passender Rock auf dem Laufsteg
der Chanel Ready-to-Wear Fall/Winter 2026 Show im Grand Palais in Paris.
Photo: NOWFASHION.com

Auch die Silhouetten bleiben zurückhaltend. Zwar rutscht die Taille gelegentlich tiefer, der Oberkörper verlängert sich und die Röcke bewegen sich freier, doch radikale Veränderungen gibt es nicht. Stattdessen entsteht vor allem Variation. Chanel bewegt sich weiterhin in einem vertrauten Terrain aus mittleren Längen, ruhigen Proportionen und kontrollierter Eleganz.

Das eigentliche Paradoxon liegt im Haus selbst. Chanel lebt von seinen Codes: Tweed, Ketten, Perlen und das Kostüm als Symbol weiblicher Autonomie. Diese Zeichen dürfen sich verändern, aber nur behutsam. Der Designer bewegt sich deshalb in einem engen Korridor zwischen Innovation und Wiedererkennbarkeit.

Eine cremefarbene Tweedjacke und ein passender Rock auf dem Laufsteg der
Chanel Ready-to-Wear Fall/Winter 2026 Show im Grand Palais in Paris.
Photo: NOWFASHION.com

Blazy scheint diese Grenze genau zu kennen. In seiner Kollektion versucht er, dem Chanel-Vokabular eher neue Beweglichkeit zu geben, als es zu ersetzen. Strick ersetzt gelegentlich das starre Tailoring, Farben treten selbstbewusster auf und die Materialien wirken leichter. Doch die Verschiebungen bleiben kontrolliert. Die bunt angeleuchteten Kräne im Grand Palais versprechen Bewegung. Die darunter präsentierte Kollektion hingegen bleibt bemerkenswert stabil.

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