HYPERMADE CULTURE MAGAZINE

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Der Leser als Kunde

Wenn Kultur zur Empfehlung wird
The Display Without Substance
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Kulturtexte haben leise ihre Richtung verändert. Statt mit denkenden Lesern sprechen viele nun mit potenziellen Käufern. Was wie Erfahrung klingt, folgt oft einer Empfehlungslogik.

Die stille Verschiebung

Zu den unscheinbarsten, aber folgenreichsten Veränderungen der Gegenwart gehört, dass kulturelle Texte ihre Adressaten heute anders betrachten als noch vor wenigen Jahrzehnten. Sie wenden sich nicht mehr an Leser, die verstehen wollen, sondern an Konsumenten, die wählen sollen. Diese Verschiebung vollzieht sich jedoch selten offen. Sie zeigt sich in einem Tonfall, der freundlich wirkt und jede Reibung vermeidet. Gerade darin liegt ihre Wirkung. Wo früher beschrieben und eingeordnet wurde, entsteht heute ein Strom von Empfehlungen. Der Text dient nicht mehr der Erkenntnis, sondern der Vorbereitung einer Entscheidung. Aus dem Leser wird ein Kunde. Aus dem Urteil wird ein Service.

Die neue Tonlage

Der Ton ist der eines Erfahrungsberichts. Ein erzählendes Ich tritt auf, gibt sich offen und nahbar und berichtet von einem Besuch oder einer Entdeckung. Doch dieses Ich ist selten literarisch geprägt. Es erfüllt eine Funktion. Seine Aufgabe besteht darin, Nähe zu erzeugen und Vertrauen zu schaffen. Die persönliche Erfahrung tritt an die Stelle des Urteils. Die Empfehlung ersetzt die Analyse. Was zunächst wie Authentizität wirkt, folgt meist einer klaren Absicht: Die Distanz zwischen Darstellung und Kaufanreiz soll verschwinden. So wird der Text zum Vermittler zwischen Produkt und Leser, ohne sich als Werbung zu erkennen zu geben.

Kritik ohne Folgen

In dieser neuen Textökonomie hat Kritik ihre Konsequenz verloren. Wenn sie überhaupt geäußert wird, dann allenfalls als milde Nuance innerhalb eines grundsätzlich zustimmenden Rahmens. Ein Produkt darf kleine Schwächen haben, ein Ort leichte Unzulänglichkeiten, doch am Gesamtbild ändert sich dadurch nichts. Diese scheinbare Differenzierung dient der Glaubwürdigkeit, nicht dem Urteil. Sie erzeugt den Eindruck von Abwägung, ohne jemals eine Entscheidung zu treffen. Am Ende steht fast immer eine Form der Bejahung. Der Text beruhigt. Er bestätigt. So entsteht eine Sprache der Zustimmung, die jede wirkliche Unterscheidung vermeidet – und gerade darin ihre Funktion erfüllt.

Ökonomie der Gefälligkeit

Die Gründe für diese Entwicklung liegen offen zutage. Redaktionelle Inhalte sind zunehmend in ökonomische Strukturen eingebunden, die auf Kooperation und Sichtbarkeit beruhen. Wenn die Einnahmen von Beziehungen abhängen, wird der Ton vorsichtiger. Ein kritischer Text kann Türen schließen, ein freundlicher öffnet sie. In dieser Logik wird Auswahl durch Präsenz ersetzt. Gezeigt wird, was verfügbar ist, nicht unbedingt, was Bedeutung besitzt. Die Grenze zwischen Beobachtung und strategischer Darstellung verwischt zunehmend. Der Text wird Teil eines Systems, das auf wechselseitiger Schonung beruht und deshalb kaum noch Risiken kennt.

Das Verschwinden der Gewichtung

Wenn der Text in ein Empfehlungssystem verwandelt wird, verschwindet auch die Hierarchie der Dinge. Alles erscheint interessant. Alles wird präsentiert. Kaum etwas wird verworfen. Doch gerade das Weglassen war einst die eigentliche Leistung kultureller Medien. Auswahl bedeutete Gewichtung. Gewichtung bedeutete Haltung. Wenn jedoch jede Neuheit Aufmerksamkeit erhält, verliert diese ihren Wert. Bilder und Produkte reihen sich aneinander, ohne in einen gedanklichen Zusammenhang gestellt zu werden. Was bleibt, ist ein Strom wohlformulierter Belanglosigkeit, der den Anschein von Inhalt wahrt, ohne dessen Substanz zu besitzen.

Die Möglichkeit eines anderen Tons

Ein Kulturmedium, das seine Leser als denkende Menschen anspricht, entzieht sich dieser Logik. Es zeigt, ohne zu verkaufen. Es beschreibt, ohne zu empfehlen. Vor allem besitzt es den Mut, vieles nicht zu behandeln. Nicht jede Erscheinung verlangt nach Aufmerksamkeit. Nicht jede Neuheit verlangt nach einem Text. Erst in dieser Zurückhaltung entsteht wieder Gewicht. Ein Text, der nichts verkaufen will, kann beobachten. Ein Medium, das nichts versprechen muss, kann unterscheiden. In einer Zeit, in der fast jeder Text etwas empfiehlt, wird ein Text, der dies nicht tut, bereits zu einem Zeichen von Unabhängigkeit.

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