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Murals of Tibet – Was Fotografie bewahren kann

Thomas Lairds tibetische Wandmalereien in der BABY-SUMO-Ausgabe von TASCHEN
Profilbild von Michael JankeMichael Janke

Thomas Laird macht tibetische Wandmalereien mithilfe digitaler Mehrbildfotografie in hoher Detailgenauigkeit sichtbar. Die BABY-SUMO-Ausgabe von „Murals of Tibet“ verbindet diese Aufnahmen mit einem umfangreichen Begleitband. Sie zeigt, was fotografische Dokumentation leisten kann und wo die Grenzen eines Bildarchivs liegen.

In einem Gesicht aus Drathang verlaufen feine Risse durch die bemalte Oberfläche. Die Augen sind gesenkt, das Gewand ist in Rot- und Goldtönen gehalten. Daneben treten Fehlstellen und abgeriebene Partien hervor. Thomas Lairds Aufnahmen zeigen sowohl die Präzision der Malerei als auch die Verletzlichkeit ihres Trägers. Die Nahansicht macht aus einem Detail ein eigenes Bild, hält aber zugleich fest, dass diese Kunst an einer alternden Wand existiert. Schon darin liegt ein wesentlicher Reiz von „Murals of Tibet“.

Mehr als ein Jahrzehnt widmete Laird der fotografischen Dokumentation tibetischer Wandmalereien. Das Werk erscheint nun im BABY-SUMO-Format bei TASCHEN. Der 498 Seiten starke Bildband führt durch Tempel und Klöster, darunter Drathang, Samye, den Lukhang in Lhasa und die Anlagen von Gyantse. Ein separater, 528 Seiten umfassender Begleitband erläutert die dargestellten Figuren und Szenen.

Wie die Aufnahmen entstehen

Breite tibetische Wandmalerei mit zahlreichen Figuren, feinen Ornamenten und goldfarbenen Partien.
Eine weitläufige Figurenkomposition, aufgenommen von Thomas Laird. © Thomas Laird, 2018

Viele Wandgemälde füllen ganze Wände. Davor kann Laird sich oft kaum weit genug entfernen, um die gesamte Malerei auf einmal zu fotografieren; auch das Licht reicht dafür nicht immer aus. Deshalb arbeitet er mit zahlreichen Teilaufnahmen, die digital zu hochauflösenden Gesamtbildern zusammengefügt werden. In seiner Einführung beschreibt er, wie die Bearbeitung einzelner Wandbilder Wochen oder Monate beanspruchte.

Besonders deutlich erklärt er das Verfahren am Beispiel des Goldes. Schon geringe Änderungen von Licht und Blickwinkel können dieselbe Vergoldung dunkel oder fast weiß erscheinen lassen. Seine zusammengesetzten Aufnahmen bringen goldene Partien so zur Geltung, wie es mit einer einzelnen Fotografie nicht möglich wäre. Das Ergebnis ist eine bewusst hergestellte Ansicht: Welche Details hervortreten, hängt auch von Lairds fotografischer und digitaler Bearbeitung ab.

Der Bildband wechselt zwischen größeren Kompositionen und eng gefassten Ausschnitten. Ein Gesicht lässt sich zunächst für sich betrachten, bevor weitere Figuren, architektonische Motive oder Ornamente den Zusammenhang erweitern. Gebrauchsspuren und Beschädigungen bleiben in den eingesehenen Bildstrecken erkennbar. Sie unterbrechen die farbige Geschlossenheit und machen die materielle Geschichte der Malereien sichtbar.

Was der Begleitband erschließt

Grüne Figur im Zentrum einer Wandmalerei mit seitlichen Figurenmedaillons auf rotem Grund.
Eine zentrale grüne Figur, umgeben von kleineren Darstellungen und Ornamenten. © Thomas Laird, 2018

Viele Figuren der Wandmalereien verweisen auf buddhistische Lehren und Praktiken. Der Begleitband hilft, diese Bezüge zu verstehen. Robert Thurman beginnt seinen Beitrag mit einer tibetischen Ursprungserzählung und betrachtet Kunst aus einer buddhistisch geprägten Perspektive. Heather Stoddard erläutert die Entwicklung künstlerischer Stile. Die detaillierten Kommentare von Stoddard und Jakob Winkler helfen bei der Zuordnung der Darstellungen. Das verlangt gelegentlich langsame Lektüre, erschließt aber Bedeutungen, die sich aus den Bildern allein kaum ableiten lassen.

Stoddards Ausführungen wenden sich gegen die Vorstellung einer abgeschlossenen tibetischen Kunst. Sie beschreibt Beziehungen zu Indien und Nepal, aber auch zu China. Zugleich zeigt sie, dass tibetische Kunst eigenständige Formen hervorbrachte und ihrerseits andere Traditionen beeinflusste. Cameron Bailey richtet den Blick auf die Herstellung. Er erklärt, wie die Wände für die Malerei vorbereitet wurden und welche Rolle Pigmente und Bindemittel spielten. Die Oberflächen werden so auch als Ergebnis von Werkstattwissen und körperlicher Arbeit verständlich.

Die Grenzen der Bewahrung

Zwei bemalte Wände treffen unter einer Holzbalkendecke aufeinander; Risse und abgeriebene Stellen sind sichtbar.
Wandmalereien im räumlichen Zusammenhang; Risse und Fehlstellen bleiben sichtbar. © Thomas Laird, 2018

Eine fotografische Dokumentation kann einen sichtbaren Zustand überliefern und späteren Vergleichen dienen. Den baulichen Erhalt eines Tempels oder die Weitergabe religiöser Praxis sichert sie jedoch nicht. Auch die räumliche Erfahrung bleibt nur vermittelt zugänglich. Die Genauigkeit der Reproduktionen ist deshalb eine Stärke des Bildarchivs, aber kein Maß für die Vollständigkeit dessen, was es bewahrt.

Die Trennung von Bildband und Begleitbuch gibt den Fotografien Raum und ermöglicht es, die Malereien zunächst ohne vorgegebene Deutung zu betrachten. Bei komplexen Szenen wecken die Aufnahmen allerdings Fragen, die sich erst mithilfe des Begleitbuchs beantworten lassen. Eine engere Verbindung zwischen Abbildungen und Erläuterungen hätte den Zugang für Leser ohne Kenntnisse der tibetischen Bildsprache erleichtert.

Murals of Tibet. BABY SUMO. TASCHEN, 2026. Nummerierte, von Thomas Laird signierte Collector’s Edition (9.660 Exemplare). Hardcover-Bildband mit 498 Seiten und sechs Ausklappseiten (35,8 × 50 cm); illustrierter wissenschaftlicher Begleitband mit 528 Seiten (20,5 × 28,6 cm). In einer Schlagkassette, zusammen ca. 19 kg. 1.000 €

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